Man darf Gott auch Gutes sagen

Man darf Gott auch Gutes sagen
Eine überraschende Kinderfrage bringt unseren Autor auf grundlegende Gedanken

Diese Kinderbeichte vergesse ich mein ganzes Leben nicht mehr. Es war die Erstbeichte eines Kommunionkindes. Im Religionsunterricht machten wir die übliche Vorbereitung. Schritt für Schritt wird mit einigen Geschichten eingeübt, falsches Verhalten zu erkennen und gemeinsam zu überlegen, wie etwas wieder gutwerden kann. Wir übertragen es auf das eigene Leben, spüren nach, was einem leidtut. Die biblischen Erzählungen vom barmherzigen Vater, von Jesus und Zachäus helfen den Kindern, dass sie zu Gott voll Vertrauen kommen dürfen. Er verzeiht, schenkt einen neuen Anfang und gibt Kraft für das Gute. Mit der Beichthilfe wird dann der Ablauf der Beichte eingeübt, und so soll dann die Scheu oder Angst vor der Beichte einigermaßen genommen sein und alles klappen.

Bekenntnis unvollständig?

So war es dann auch bei der ersten Beichte eines Jungen. Da oder dort musste ich ein wenig nachhelfen, aber er machte das ganz gut. Er zählte auf, was er sich überlegt hatte, und als er schließlich mit seinem Bekenntnis fertig war, fragte er: „Darf ich jetzt auch sagen, was ich gut gemacht habe?“ Zunächst war ich ein wenig überrascht, spürte aber, dass es ihm wirklich wichtig war. Warum hätte ich ihm das abschlagen sollen? Und so sagte ich ihm: „Ja, natürlich kannst du das auch sagen. Erzähl doch mal!“ Und schon sprudelte es aus ihm heraus. Es tat ihm sichtlich gut und gehörte für ihn und seine Beichte mit dazu.
 
 
Das Gute nicht unterlassen
Mit dem Beginn der Österlichen Bußzeit rückt auch das Bußsakrament als Vorbereitung auf das wichtigste Fest des Kirchenjahres und unseres Glaubens in den Blick. In diesem Heiligen Jahr erst recht. Für viele Katholiken spielt aber die Beichte keine allzu große Rolle mehr. Die Gründe sind verschieden. Analysen dazu gibt es viele, bringen aber keine wirkliche Veränderung. Könnte der Junge mit seinem Wunsch, auch das Gute sagen zu dürfen, eine andere Sicht auf das Bußsakrament vermitteln? Damit meine ich nicht die oft geäußerte Rechtfertigung: „Ich habe nieman
den umgebracht und auch sonst nichts wirklich Böses getan, also brauch’ ich auch nicht beichten.“ Nein, es geht mir um das Gegenstück zum Schuldbekenntnis: „dass ich Gutes unterlassen habe“ und ich mir bewusstmache, was ich tatsächlich Gutes tue, wo ich bewusst die Initiative ergreife, mich einsetze, versuche, mein Leben und das anderer positiv zu gestalten. Der Blick auf das Gute ist nicht Selbstlob, sondern die andere Seite der Medaille, denn als ganzer Mensch stehe ich vor Gott.
 
Der gute alte Vorsatz
Das Wesen von Vergebung ist doch, dass jemand in mir das Gute sieht. Nur das Schlechte zu sehen, das wäre herablassend. Vergebung
wird dann gönnerhaft. Gott sieht das Gute in mir und traut mir zu, dass ich daraus was machen kann. Im guten alten Vorsatz der Beichte
steckt genau diese Blickrichtung. Ich darf und soll in mir das Gute sehen und damit leben. Leider hält sich sehr hartnäckig, dass ich mich beim Beichten als schlechter Menschen fühlen muss. Wer will das schon? Das Gegenteil davon, die ständige Optimierung meiner selbst, wie sie mir Werbung und Lifestyletrends vorgaukeln, funktioniert aber auch nicht. Das macht auf Dauer Druck, befriedigt nicht, geschweige denn, dass es befreien oder – theologisch gesagt – erlösen würde.

 

„Sei ganz!“
„Geh deinen Weg vor mir und sei ganz!“ (vgl. Gen 17,1), sagt Gott zu Abraham. Das sollte über jedem Beichtstuhl oder -zimmer stehen.
Gott, der am Anfang alles, was er macht, anschaut und als gut wahrnimmt, ermutigt mich in der Begegnung mit ihm dazu. Schau auf das Ganze deines Lebens! Du musst nichts verdrängen und nichts relativieren. Es ist gut mit dir und du kannst es immer mehr werden.

Text: Thomas Vogl
Bilder: Kath. Sonntagszeitung

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